FLUIDS
A HAPPENING BY ALLAN KAPROW

1967 / 2015

Fluids. A Happening by Allan Kaprow

Anlässlich des Kooperationsprojekts STADT/BILD zeigte die Nationalgalerie Fluids. A Happening by Allan Kaprow, 1967/2015 vom 15.-19. September 2015 im Berliner Stadtraum. Allan Kaprow (1927–2006) ist einer der einflussreichsten und gleichzeitig unbekanntesten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er erfand und prägte den Begriff „Happening“, sein Werk jedoch geriet durch seine objektlose Kunstpraxis in Vergessenheit. Fluids entstand erstmals im Oktober 1967 an verschiedenen, öffentlichen Orten in Kalifornien. Mehrere rund 9 × 3 m umfassende, 2,4 m hohe Strukturen aus Eisblöcken wurden von Kaprow mit Hilfe von Freiwilligen errichtet. Nach der Erbauung wurden sie sich selbst überlassen. In ihrer Temporalität und Materialität stellt die Arbeit eine Herausforderung für das traditionelle Verständnis von Kunst im öffentlichen Raum dar.

Was bleibt von Fluids und der Aktionskunst der 1950er- und 1960er-Jahre? Wie geht man retrospektiv, neun Jahre nach dem Tod des Künstlers, mit diesem Werk der Aktionskunst um? Kaprow fand seinen eigenen Weg: „Obwohl es eine ursprüngliche Fassung von Fluids gab, existiert kein originales oder beständiges Werk. Stattdessen existiert die Idee, etwas zu tun, sowie die physische Spur dieser Idee. Wer eine Fassung von Fluids erfindet [...] kopiert nicht mein Konzept, sondern nimmt an der in meiner Arbeit zentralen Praxis der Neuerfindung teil. Die Arbeit wird fortgeführt, und mit jeder Neuerfindung vervielfältigt sich ihre Bedeutung.“

Fünf „Reinventions“ (dt. Wieder-/ Neuerfindungen) von Fluids wurden während der Berlin Art Week realisiert. In Berlin lebende KünstlerInnen (Olivier Guesselé-Garai, Assaf Gruber, Antje Majewski, Agnieszka Polska und Juliane Solmsdorf; Ahmet Öğüt; Alexandra Pirici und Stadt im Regal) reagierten, von der Nationalgalerie eingeladen, auf Allan Kaprows Aktion. Zusätzlich zu den vier künstlerischen Auseinandersetzungen organisierte die Nationalgalerie eine Rekonstruktion der historischen Arbeit.

Historische Version

Die institutionelle Version hielt sich eng an die sogenannte „Score“ (dt. Partitur) Allan Kaprows, die sich auf dem historischen Ankündigungsposter findet, das zugleich als Aufruf galt: „During three days, about twenty rectangular enclosures of ice blocks (measuring about 30 feet long, 10 wide and 8 high) are built throughout the city. Their walls are unbroken. They are left to melt.” Klein gedruckt, am unteren Blattrand steht noch der Hinweis auf ein gemeinsames Treffen für alle Interessierten mit Treff- und Zeitpunkt. Die Vorgehensweise des Aufrufs, die Teilnahme von Freiwilligen, die Vorgaben des Materials, die Dimensionen der Eisstruktur und die Abfolge wurden in dieser Version von Fluids beibehalten. Am 15. September 2015 wurde eine Eisskulptur auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie errichtet. Dieser Aktion voran gegangen waren Gespräche und ein Vorbereitungstreffen mit den TeilnehmerInnen, in dem die Logistik und Organisation besprochen wurden.

Im Oktober 1967 befanden sich sowohl das Gebäude von Mies van der Rohe (das im Herbst 1968 eröffnet wurde), als auch Fluids im Zustand der Konstruktion. Auf der Terrasse des Museums wurde das Happening 2015 in einem öffentlichen und zugleich institutionellen Raum gezeigt, frei und zu jeder Zeit zugänglich, und darüber hinaus in der Nähe von monumentalen Skulpturen aus Eisen und Stahl von Alexander Calder oder Richard Serra. Die skulpturale Form der Eisstruktur, an die geometrische Ästhetik des Minimalismus erinnernd, befand sich im Gegensatz zu traditioneller Kunst im öffentlichen Raum in jeder Sekunde in einem aktiven Zustand der Veränderung, der Bewegung, des Schmelzens, des Verflüchtigens.

TeilnehmerInnen des Happenings: Karoline Baumann, Simon Beckmann, Florian Flug, Jessi Hundt, Ernst Friedrich Jünger, Claire Laude, Adrian Lohmüller, Lucas Odahara, Ketevan Ortoidze, Berenika Partum, Carmen Reina, Franziska Sander, Santiago da Silva, Sebastian Stahl, Anna Stuhlmacher, Sophie Thorak

Von Seiten der Nationalgalerie: Lutz Bertram und Oliver Lehmann (Art Handler), Ulrike Gast (Registrarin), Torsten Neitzel (Depotverwalter), Udo Kittelmann und Lisa Marei Schmidt (Kuratoren), Leah Heckel und Charlotte Sarrazin (kuratorische Assistenz)

Mit freundlicher Unterstützung von Museum&Location, dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung und KVL Bauconsult GmbH.

Olivier Guesselé-Garai, Assaf Gruber, Antje Majewski, Agnieszka Polska und Juliane Solmsdorf

Antje Majewski formierte mit Olivier Guesselé-Garai, Assaf Gruber, Agnieszka Polska und Juliane Solmsdorf eine Gruppe von KünstlerInnen, die sich für die aktionistischen, sozialen und ökonomischen Aspekte des Happenings Fluids von Allan Kaprow interessiert. Im Gegensatz zu Kaprow, der zwar das Publikum immer einbezog, aber allein die künstlerische Autorität behielt, wurde ihre Version von Fluids von einer Gruppe von Individuen mit unterschiedlichen künstlerischen und geographischen Hintergründen konzipiert und durchgeführt.

Die Gruppe diskutierte die historische Aktion ausführlich und organisierte einen Tag mit Lesungen, Vorträgen und Gesprächsrunden, der bereits als nicht öffentlicher Teil ihrer „Reinvention“ (dt. Neuerfindung) von Fluids zu verstehen ist. Am 16. September 2015 veranstalteten die KünstlerInnen dann in Moabit ein Happening im öffentlichen Raum, das AnwohnerInnen und PassantInnen, ebenso wie das Kunstpublikum miteinbezog.

Das Happening fand auf einer Grünfläche an der Ecke Lehrter Straße / Seydlitzstraße statt, zehn Fußminuten vom Hauptbahnhof, neben Einrichtungen der Berliner Stadtmission – einem Flüchtlingsheim, Übergangswohnungen für ehemalige Strafgefangene, einer Wärmestube und einem Jugendgästehaus –, Kleingärten, Hotels, Wohnhäusern und dem Historischen Gefängnispark. An diesem Ort „zeichneten“ die KünstlerInnen die Dimension der Eisblockstruktur im Raum nach und füllten diese Form mit allerlei nützlichen Objekten wie Pflanzen, Büchern, Kleidung etc. ganz im Sinne von Allan Kaprow, der bereits 1958 über neue Materialien in der Kunst schrieb: „Objects of every sort are materials for the new art: paint, chairs, food, electric and neon lights, smoke, water, old socks, a dog, movies, a thousand other things that will be discovered by the present generation of artists.” Bis 15 Uhr bauten die Künstlerinnen und Künstler ihre Give-and-Take-Sculpture aus „Materialien einer neuen Kunst“ auf, um ab 16 Uhr alles zu verschenken. So „schmolz” die Skulptur durch die freie Nutzung der Objekte gleich nach Ihrer Entstehung wieder dahin. Die Kunstform des Happenings wurde in dieser Version von Fluids in ihrer Präsenz und Gegenwärtigkeit, in dem nicht Festgelegten, Überraschenden, wiederaufleben reanimiert.

Olivier Guesselé-Garai (*1976 in Paris, lebt und arbeitet in Berlin), Assaf Gruber (*1980 in Jerusalem, lebt und arbeitet in Berlin), Antje Majewski (*1968 in Marl, lebt und arbeitet in Berlin und Himmelpfort), Agnieszka Polska (*1985 in Lublin, lebt und arbeitet in Berlin und Amsterdam) und Juliane Solmsdorf (*1977 in Berlin, lebt und arbeitet in Berlin)

Mit freundlicher Unterstützung von

Stadt im Regal

Das Kollektiv STADT IM REGAL, bestehend aus neun Berliner KünstlerInnen (Tina Born, Ursula Döbereiner, Antje Dorn, Kerstin Drechsel, Friederike Feldmann, Heike Klussmann, Birgit Schlieps, Katharina Schmidt und Markus Strieder), gründete sich 1996. Seitdem realisieren sie gemeinsam Ausstellungen und Projekte zum Thema Stadtumbau, Architektur und Wohnen.

STADT IM REGAL stellten in ihrer „Reinvention“ von Allan Kaprows Happening Fluids die Bedeutung der Imagination in den Fokus. Denn die historische Aktion hinterließ durch das Schmelzen des Eises kein Objekt, sie blieb nur in der Erinnerung der teilnehmenden Personen erhalten. Sie verknüpfen ihre Reaktion auf Fluids mit einem in Berlin allgegenwärtigen Objekt: dem Bauschild. An vier Orten der Stadt setzten, ab dem 17. September bis zum 8. November 2015, die von dem Kollektiv gestalteten Bauschilder ein Moment der Imagination in Bezug auf den jeweiligen Ort und seine Geschichte frei. Im Sinne von Lawrence Weiners konzeptueller Declaration of Intent (1968) folgten die KünstlerInnen dem Aufruf: „The piece need not be built.“

Der Gestaltung der Bauschilder lag das historische Ankündigungsposter für Fluids von Allan Kaprow zugrunde, dessen Text sich, in Segmente zerlegt, auf den Schildern wiederfindet. Die Schilder vermehrten die Vorstellungsmöglichkeiten in Bezug auf den jeweiligen Ort, entsprechend Kaprows Aussage, dass die „Reinventions“ seines Happenings dessen Bedeutungen multiplizieren. Die ausgewählten Standorte der Bauschilder sind Orte der Veränderung, der kunsthistorischen Kontextualisierung, des Wandels und des Verschwindens. Neben der temporären Brache am Schiffbauerdamm 15–18 – einem Ort der Verflüssigung von Geschichte –, fanden sich Bauschilder am Leipziger Platz, einem Ort der urbanistischen Transformation, an der wegen Renovation geschlossenen Neuen Nationalgalerie und auf einem Parkdeck am Südkreuz.

Tina Born (*1963 Frankfurt am Main, lebt und arbeitet Berlin), Ursula Döbereiner (*1963 München, lebt und arbeitet in Berlin), Antje Dorn (*1964 Aachen, lebt und arbeitet in Berlin), Kerstin Drechsel (*1966 Reinbek, lebt und arbeitet in Berlin), Friederike Feldmann (*1962 Bielefeld, lebt und arbeitet in Berlin), Heike Klussmann (*1968 Saarbrücken, lebt und arbeitet in Berlin), Birgit Schlieps (*1966 Stuttgart, lebt und arbeitet in Berlin), Katharina Schmidt (*1960 Witten, lebt und arbeitet in Berlin und Toulouse), Markus Strieder (*1963; lebt und arbeitet in Berlin)

Mit freundlicher Unterstützung von DB BahnPark GmbH und Wegas Werbung.

Alexandra Pirici

Am 18. September 2015 entstand am Potsdamer Platz Alexandra Piricis Version von Fluids. Die rumänische Künstlerin kommt aus dem Bereich der Choreografie. Sie untersucht in ihrer künstlerischen Praxis Denkmäler und Monumente im öffentlichen Raum und ihr Verhältnis zum menschlichen Körper. In ihrer „Reinvention“ von Fluids bildeten die TeilnehmerInnen des Happenings zugleich das Material. Der menschliche Körper war Ausgangspunkt ihrer Überlegung, sowie der Aktion.

Eine Gruppe von rund 70 PerformerInnen nahm auf dem Potsdamer Platz einen Raum ein, der die Dimensionen der historischen Eisstruktur aufwies. Wie in Kaprows Aktion entstand dabei ein vergängliches Monument und ein Moment der Kollektivität durch körperliche Arbeit, in der das Bestehen der Struktur abhängig war von der Erschöpfung der Teilnehmer.

Alexandra Pirici schreibt über Fluids: „Was kann Skulptur sein? Wie muss man die historische Fasziniertheit des Menschen durch Beständigkeit und Dauer verstehen? Wie können wir auf abstrakte Art und Weise zusammen sein und kollektiv etwas ohne praktischen Nutzen konstruieren? Fluids handelt vom Begriff der Kunst im öffentlichen Raum, von Skulptur, Monument, Autorschaft, Partizipation, von kollektiver Produktion und von Produktion von Kollektivität (im Akt des Konstruierens selbst), aber auch von Choreographie als Bewegung und Dynamik in Raum und Zeit.“

Den Aspekt der Körperlichkeit des Tuns thematisierte Pirici in ihrer Reinvention von Fluids ebenso wie die Zeitlichkeit von Skulptur und performativer Kunst. Kaprow selbst machte den Körper Ende der 1960er Jahre zu einem Handlungsschauplatz. Er verließ zu dieser Zeit mit seinen Aktionen den städtischen Raum und arbeitete verstärkt im Innenraum, mit dem menschlichen Individuum und seinem Körper.

Alexandra Pirici (*1982 in Bukarest, lebt und arbeitet in Bukarest und Berlin)

Ahmet Öğüt

In seiner konzeptuell geprägten künstlerischen Praxis bezieht sich Ahmet Öğüt immer wieder auf Allan Kaprows Werk. Er kollaboriert in seinen Projekten mit verschiedenen Menschen und Gruppen über den Kunstkontext hinaus und kreiert Situationen, die meist nur durch Partizipation vollständig erfahrbar sind. Ein Beispiel ist seine seit 2012 bestehende Initiative The Silent University, eine autonome, nomadische „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ von und für Flüchtlinge, Migranten und Asylsuchende.

Ahmet Öğüt näherte sich Kaprows Fluids über das Material Eis und seinen Transformationsprozess und untersuchte dessen physikalischen und ökonomischen Kreislauf. Das Bild von schmelzendem Eis hat sich, in Zeiten der Klimaerwärmung, grotesk verändert. Er thematisierte wie das Ausgangsmaterial von Kaprows Happening nach dessen Ende weiterzirkuliert.

Die Eisblöcke, aus denen Fluids besteht, ergeben insgesamt 12.420 Liter Wasser. Die entsprechende Menge Wasser brachte Öğüt für sein Projekt in Trinkflaschen mit einem von ihm selbst gestalteten Label in Umlauf. Diese wurden an verschiedenen Orten am 19. September 2015 verschenkt und waren zugleich kostenlose Künstleredition und Aufruf ein eigenes Happening One Ordinary Happening zu realisieren.

Allan Kaprows Arbeit Six Ordinary Happenings von 1969 bestand aus kurzen Anleitungen für kleine Interventionen, die vorhandenen Strukturen und Prozesse der Gesellschaft spielerisch zu nutzen. So sollten die TeilnehmerInnen für eines dieser Six Ordinary Happenings mit dem Titel Charity gebrauchte Kleidung in einem Second-Hand-Geschäft kaufen, diese in einem Waschsalon waschen und danach demselben Geschäft zurück geben. In Ahmet Öğüts One Ordinary Happening wurde durch den individuellen Gebrauch des Wassers – Handlungsvorschläge sind beispielsweise: „Make bubbles, Cool yourself, Leave it on a street corner“ – spielerisch in den Kreislauf des Materials von Fluids interveniert.

Ahmet Öğüt (*1981 in Diyarbakir, lebt und arbeitet in Amsterdam, Berlin und Istanbul)

Mit freundlicher Unterstützung von abc – art berlin contemporary, Berlinische Galerie, Kunsthalle Deutsche Bank, neue Gesellschaft für bildende Kunst, KW Institute for Contemporary Art und Savvy Contemporary e.V.

STADT/BILD

Zum zweiten Mal eröffnen im Herbst vier der führenden Berliner Institutionen, Berlinische Galerie, Deutsche Bank KunstHalle, KW Institute for Contemporary Art, Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, gemeinsam und unter einem thematischen Dach ihre Ausstellungen. Das vom Senat initiierte und geförderte Projekt bildet mit seinen Eröffnungen den Auftakt der Berlin Art Week 2015.

STADT/BILD nähert sich dem Themenkomplex „Stadt“ aus verschiedenen Blickwinkeln. Es werden Strukturen und Prozesse der Institution Museum, bauliche Entwicklungen sowie soziale, ästhetische und kulturelle Aspekte untersucht. Die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem sowie Stadtraum werden ausgelotet, Fragen der Partizipation und Gemeinschaft thematisiert.

Weitere Informationen zum Projekt unter: stadt-bild.berlin

Kontakt

Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof
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Sarah Kaes, Pressereferentin Nationalgalerie
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